Ab dem kommenden Jahr sind alle Energieversorger gesetzlich verpflichtet, ihren Kunden dynamische Stromtarife anzubieten. Wer seinen Verbrauch flexibel steuert, kann erhebliche Kosten sparen.
Die deutsche Energielandschaft steht vor einer fundamentalen Veränderung, die das Konsumverhalten von Millionen Haushalten revolutionieren könnte. Bislang zahlten die meisten Verbraucher in Deutschland einen festen Strompreis pro Kilowattstunde, der vertraglich oft über Monate oder Jahre hinweg fixiert war. Diese starren Tarife spiegeln jedoch in keiner Weise die tatsächliche Realität an den Strombörsen wider. Dort schwanken die Preise im Minutentakt, je nachdem wie viel Wind weht, wie intensiv die Sonne scheint und wie hoch die allgemeine Nachfrage im Netz aktuell ist. Mit der neuen gesetzlichen Verpflichtung für Energieversorger, flächendeckend dynamische Stromtarife anzubieten, ändert sich diese Dynamik grundlegend. Verbraucher erhalten nun die Möglichkeit, von diesen Preisschwankungen direkt zu profitieren und ihre Energiekosten durch bewusstes Verbrauchsmanagement signifikant zu senken.
Das Prinzip hinter dynamischen Stromtarifen ist denkbar einfach, erfordert aber ein grundlegendes Verständnis des Strommarktes. An der europäischen Strombörse EPEX Spot werden die Strompreise für den folgenden Tag stündlich im Voraus im sogenannten Day-Ahead-Handel ermittelt. Gibt es beispielsweise an einem sonnigen und windigen Sonntagmittag einen massiven Überschuss an erneuerbaren Energien, während gleichzeitig Fabriken und Büros geschlossen sind, sinkt der Börsenpreis drastisch und kann in manchen Fällen sogar negativ werden. Bei einem dynamischen Stromtarif wird genau dieser stündliche Börsenpreis an den Endkunden weitergegeben, zuzüglich der gesetzlichen Steuern, Abgaben und Netzentgelte. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch, dass in den Abendstunden, wenn die Sonne untergeht und Millionen Haushalte gleichzeitig kochen, die Preise spürbar ansteigen können. Wer also dynamisch abrechnen lässt, verabschiedet sich vom starren Mischpreis.
Um die stündlichen Preisschwankungen überhaupt mess- und abrechenbar zu machen, ist eine moderne Infrastruktur in den eigenen vier Wänden zwingend erforderlich. Ein herkömmlicher, analoger Ferraris-Zähler mit Drehscheibe oder ein einfacher digitaler Stromzähler reicht dafür nicht aus, da diese Geräte lediglich den Gesamtverbrauch über einen langen Zeitraum kumulieren. Die Lösung liegt im sogenannten Smart Meter, einem intelligenten Messsystem. Dieses besteht aus einer modernen Messeinrichtung und einem Kommunikationsmodul, dem sogenannten Smart-Meter-Gateway. Dieses Gateway sendet die Verbrauchsdaten in Echtzeit oder in vordefinierten Intervallen, meist viertelstündlich, sicher an den Messstellenbetreiber und den Energieversorger. Nur durch diese lückenlose und zeitgenaue Erfassung ist es möglich, den verbrauchten Strom exakt der Stunde zuzuordnen, in der er tatsächlich genutzt wurde. Der Rollout dieser Geräte wird in Deutschland gesetzlich forciert.
Ob sich ein dynamischer Stromtarif lohnt, hängt ganz entscheidend vom individuellen Verbrauchsverhalten und der technischen Ausstattung des Haushalts ab. Grundsätzlich gilt: Je größer die verschiebbaren Lasten im Haus sind, desto höher ist das Einsparpotenzial. Besitzer von Elektrofahrzeugen, die ihre Fahrzeuge vornehmlich nachts oder am frühen Nachmittag laden können, gehören zu den größten Gewinnern dieser Tarifmodelle. Auch der Betrieb einer Wärmepumpe, die über einen thermischen Speicher verfügt, lässt sich hervorragend in die günstigen Mittags- oder Nachtstunden verlegen, ohne dass der Wohnkomfort darunter leidet. Selbst im kleineren Rahmen können smarte Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen und Geschirrspüler, die über eine Startzeitvorwahl verfügen, gezielt dann aktiviert werden, wenn der Strompreis besonders niedrig ist. Wer hingegen kaum verschiebbare Lasten hat und seinen Strom hauptsächlich zu den teuren Spitzenzeiten verbraucht, sollte die Tarife vorab genau kalkulieren.
Neben den persönlichen finanziellen Vorteilen für die Verbraucher haben dynamische Stromtarife eine immense Bedeutung für das Gelingen der Energiewende in Deutschland. Bisher mussten Windkraft- und Solaranlagen in Zeiten extremer Überproduktion häufig abgeregelt werden, um eine Überlastung der Stromnetze zu verhindern, während die Betreiber dennoch entschädigt wurden. Wenn Millionen von Verbrauchern durch finanzielle Anreize dazu bewegt werden, ihren Strom genau dann zu verbrauchen, wenn er im Überfluss vorhanden ist, entlastet dies die Netze spürbar und reduziert den Bedarf an fossilen Backup-Kraftwerken. Dynamische Tarife fungieren somit als digitaler Hebel, um Angebot und Nachfrage in einem dekarbonisierten Stromnetz optimal in Einklang zu bringen. Der Verbraucher wird vom passiven Abnehmer zum aktiven und systemdienlichen Akteur auf dem Energiemarkt der Zukunft, was die Stabilität der Netze nachhaltig sichert.